Mein Testament

Als ich geheiratet habe, habe ich im Zuge des Papierkramordnens auch mein altes Testament (nein, nicht DAS Alte Testament) in die Finger gekriegt. Nach kurzem Überlegen habe ich es zerrissen und weggeworfen, weil ich davon ausgegangen bin, dass meine Frau sowieso allen Verwandten, Freunden und Bekannten, die irgendwelche besonderen Wünsche haben, ein Erinnerungsstück nach Wahl überlassen wird. Dann fiel mir ein, dass ich zum Thema „Wozu brauche ich überhaupt ein Testament?“ mal einer Freundin eine Mail geschrieben habe:

Klar, niemand wird gerne daran erinnert, dass Menschen im Prinzip wandelndes Wurmfutter sind. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen“: vergänglich.

Ich werde sterben.
Mein Vater und meine Mutter werden sterben.
Mein Bruder wird sterben.
Sogar seine kleine Tochter wird sterben; sie kann gerade richtig laufen, und schon ist sie todgeweiht!
Ich und Du und Müllers Kuh: Wir alle leben auf Pump, wir leben mit geborgter Zeit, und irgendwann werden wir tot sein — früher oder später. Irgendwann werden Verwandte und Freunde das, was von uns übrig ist, in ein Loch in der Erde legen oder verbrennen und die Asche ins Meer werfen oder vergraben. Sie werden um uns weinen, sie werden sich die Haare raufen vor Leid, sie werden mit Gott und der Welt hadern, weil ihnen das alles so ungerecht erscheint.
Das ist nicht schön.
Das ist so ziemlich das Härteste auf der Welt: dass der Aufenthalt von vorneherein so streng zeitlich begrenzt ist: dass alles, was man tut und sagt, bald vergessen sein wird, dass alles, wofür man schwitzt und kämpft, vergänglich ist wie eine Sandburg vor der Flut. Und gleichzeitig ist genau dies der Antrieb für alles, was den Menschen vom Tier unterscheidet — mehr noch als Werkzeug oder Lachen oder welche Unterschiede der Mensch auch je bemüht hat, um sich über das Tier zu heben:

Der Mensch weiß, dass er sterben wird und kämpft gegen die Vergänglichkeit an.

Farbige Hände in französischen Höhlen, Ritzzeichnungen an afrikanischen Felsen, chinesische Mauern, römische Triumphbögen, Neuschwanstein, der Eiffelturm, Shakespeares Sonette, Bachs Kantaten, Newtons Formeln oder Tom Waits Krächzgesang: Alles nur Versuche, dem Vergessen ein Schnippchen zu schlagen und zu sagen „Hey, schaut her! Ich habe gelebt! Hier, das war ich!“
Der Tod und die Zeit sind eifrige Tafelputzer, und wie sehr wir uns auch anstrengen: irgendwann wird unsere Ecke der Tafel ihnen vor den Schwamm kommen. Da kann man versuchen, seine Zeichen möglichst tief in die Tafel zu graben — das wäre die Ewigkeit der Steine. Oder aber man hofft, seinem Namen Ewigkeit zu geben dadurch, dass durch die Generationen hindurch der eigene Geist weitergereicht wird als Musik, Witz, Formel oder Geschichte und so die eigenen Werke immer wieder irgendwo auf der Tafel auftauchen — das ist die Ewigkeit der Ideen.
Aber ganz schlicht und alltäglich gilt: Alles was Du tust, verändert schon die Welt. Jedes freundliche Wort, jede nette Geste, jedes Lächeln, jede kleine Hilfe, jede Tat, welche einen anderen Menschen irgendwie berührt, verändert diesen Menschen und so die ganze Welt. Das lässt sich zwar hinterher nur selten namentlich zuweisen, aber es ist gleichzeitig deutlich weniger aufwändig zu bewerkstelligen. Ich bin überzeugt, mit meinem Gesang, mit Märchenerzählen oder einfach mit Zuhören schon andere Menschen glücklich gemacht zu haben. Wenn mir das öfter gelingt, wenn ich vielleicht irgendwann ein paar Kinder in die Welt gesetzt und zu einigermaßen guten Menschen erzogen haben sollte, wenn ich vielleicht sogar ein Buch geschrieben haben sollte, welches andere Menschen lesen und sich davon anrühren lassen, dann werde ich mein Leben ein volles und reiches nennen. Mehr kann man nicht verlangen: dann werde ich abtreten und hoffen, die Welt ein wenig besser zurückzulassen, als ich sie vorgefunden habe.

Und ich werde hoffen, alle Schulden bezahlt zu haben, für alle eigenen Fehler um Verzeihung gebeten und alle fremden vergeben zu haben, ohne Streit zu scheiden und insgesamt alles gesagt zu haben, was noch gesagt werden musste.

Und dazu gehört ein Testament, in welchem klarmache, dass ich mich mit dem Thema meines Todes auseinandergesetzt habe und der Tod mich nicht völlig unvorbereitet aus dem Leben reißt, in welchem ich meinen Freunden und Verwandten noch ein paar letzte und persönliche Geschenke mache und in dem ich sage, wie die Feier aussehen soll, in der ich sozusagen meinen letzten offiziellen Auftritt auf dieser Welt habe.

Ja… vielleicht sollte ich mich morgen mal in Ruhe hinsetzen und ein neues Testament verfassen. Nein, nicht DAS– ach, vergiss es.

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Eine Antwort zu “Mein Testament

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