Entführt = erschossen?

Verteidigungsminister Jung möchte „im Notfall“ von Kamikazeterroristen entführte Flugzeuge abschießen, damit sie nicht in irgendwas geflogen werden können, was irgendwie wichtiger ist, als ein Verkehrsflugzeug samt Insassen.

Mittlerweile habe ich ja jede Menge Kommentare gelesen, die sagen,

  1. dass dieser angekündigte Abschuss von Verkehrsflugzeugen durch Luftwaffenmaschinen auf jeden Fall verfassungswidrig wäre,
  2. dass man Menschenleben nicht derart gegeneinander aufwiegen könne, wie Jung das vorzuhaben scheint (was ist wichtiger, ein Flugzeug mit 200 Managern oder eine Schule mit 200 Schülern?).

Was ich bisher noch nicht gefunden habe, das ist eine Auseinandersetzung mit der technischen Machbarkeit! Setzen wir uns doch einfach mal hin und recherchieren ein wenig:

Jung möchte die Alarmrotten der Luftwaffe einsetzen, um entführte Maschinen gegebenenfalls abschießen zu können. Die brauchen aber ein paar Minuten, bis sie in der Luft sind. Zu besonderen Anlässen schafft die RAF das offenbar in 57 Sekunden, aber vermutlich braucht man im Alltag ein paar Minuten länger. Sagen wir mal fünf Minuten. In der Zeit fliegt ein Passagierjet, je nach Fabrikat und Flughöhe, irgendwas über fünfzig Kilometer. Fünfzig Kilometer! Abgesehen von Bayern ein paar Nationalparks gibt es vermutlich im deutschen Luftraum keinen Punkt, von dem aus man in fünzig Kilometer Umkreis keine Stadt, kein Kernkraftwerk, keine Chemieanlagen, kein Wasserschutzgebiet und kein überranntes Naherholungsgebiet liegt! Das heisst aber: mit einem Passagierjet über Deutschland kann man auf jeden Fall innerhalb von fünf Minuten einen Ort erreichen, an dem man einer ganzen Menge Menschen kolossal den Tag versauen kann. Und das bedeutet: jede Flugzeugentführung ist gleich auch Notfall und „übergesetzlicher Notstand“, und Verteidigungsminister Jung hat gar keine andere Wahl, als beim ersten Anzeichen schon seine Schergen hochzuschicken, um den Flieger abzuschießen. Also, liebe Flugpassagiere: sobald jemand aufsteht und sagt „Dieses Flugzeug ist entführt, wir fliegen jetzt nach Mogadischu!“ — sofort drauf auf den Mann, sonst sterbt ihr sowieso. Unser Verteidigungsminister kann es sich doch gar nicht leisten, in Ruhe zuzusehen, welche lohnenden Ziele die Maschine auf dem Weg nach Afrika überquert!

Diese Überlegung vernachlässigt natürlich den Schaden, den so ein Flugzeug auch nach dem Abschuss noch anrichtet. Wenn der Flieger im Moment des Treffers hoch genug ist, dann verteilt sich das frisch zerlegte Flugzeugpuzzle locker über ein paar Quadratkilometer. Und aus zehn Kilometern Höhe möchte ich nicht mal eine Schraube auf den Kopf kriegen, mal ganz zu schweigen von Hartschalenkoffern, Flugzeugreifen oder Triebwerken. Und weil ich davon ausgehe, dass der gute Junge Jung das auch weiß, bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten:

Entweder er wollte unbedingt auch mal was gegen den allgegenwärtigen und alltäglichen Terror in Deutschland unternehmen, und da fiel ihm natürlich gleich die Luftwaffe ein, was sonst. If all you have is a hammer, everything looks like a nail — und scheiß auf den Kollateralschaden!

Oder aber der Arme ist einsam und wollte sich auch mal ins Gespräch bringen, in der Hoffnung, dass ihn alle dann ganz toll und mächtig finden. „Hallo, Herr Verteidigungsminister! Ist das ein Abfangjäger in ihrer Hose, oder freuen Sie sich nur, mich zu sehen?“

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