Warum Folter nicht funktioniert

Auf MakingLight gab es wieder einmal eine Diskussion über Folter, bei der das Argument aufkam, dass es doch damals beim Entführungsfall Jakob von Metzler auch gewirkt habe. OK, der Knabe war schon tot, aber immerhin habe doch Magnus Gäfgen auf die Androhung hin, dass er gefoltert werden würde, ganz schnell das Versteck preisgegeben, wo die Leiche lag!

Dieser Fall unterscheidet sich aber erheblich von all den Bombenszenarien, die die Folterapologeten regelmäßig aufführen, um dafür zu argumentieren, dass man manchmal halt auf die Regeln scheißen müsse, um Menschenleben zu retten:

Szenario 1: Die Terrorabwehr (wer auch immer) hat einen fanatischen Terroristen gefangen, der gerade erst eine Bombe versteckt haben muss — zumindest war er beobachtet worden, wie er ein paar verdächtige Kisten in den Wagen geladen hatte, die bei seiner Rückkehr nicht mehr drin waren. Die Bombengrundstoffe, die er sich vorher besorgt hatte, sind in seiner Wohnung nicht mehr auffindbar, also hat er eine Bombe gebaut und irgendwo hingebracht. Dummerweise hat man bei der Verfolgung des Wagens ein paar Fehler gemacht, und kein Schwein weiß, wo der Kerl gewesen ist — alles arbeitet wie verrückt an der Auswertung von Mautkontrollprotokollen und Handybewegungsdaten, aber bisher keine Spur! Jeden Augenblick kann es irgendwo knallen! Alarmstufe Rot, sofort foltern, den Kerl!

Im Fernsehen nimmt sich Jack Bauer jetzt den Terroristen vor, und nach kurzer Zeit weiß er, wo die Bombe ist. Leider ist unser Szenario nicht im Fernsehen, und unser Terrorist gibt nach kurzer Folter einen falschen Hinweis: ein Schließfach im Hauptbahnhof, welches, weiß er nicht mehr, war ihm ja auch egal, und den Schlüssel hat er während der Rückfahrt aus dem Fenster geworfen, in den Fluss. Dumm gelaufen. Bauers Kollegen rasen zum Bahnhof, wo sie binnen einer halben Stunde zweihundertsiebenundneunzig Schließfächer aufbrechen beziehungsweise, als irgendwann der Verantwortliche gefunden war, mit einem Nachschlüssel öffnen — vergeblich. Keine Bombe! Bauer, über Funk informiert, foltert weiter. Der Terrorist hält länger durch, gibt ein-zwei offensichtlich falsche Fährten, dann gesteht er: Baustelle neben dem Rathaus, Kellerrohbau, heute morgen frisch gegossener Beton. Ein Rudel Polizisten schwärmt mit Schaufeln und Presslufthämmern aus, um die Bombe zu heben — Fehlanzeige. Mittlerweile wird Bauer nervös, und zu recht: noch ehe er zu noch extremeren Methoden greifen kann, fliegt die Chemiefabrik / das Ministerium / das Atomkraftwerk / die Kaserne / was-auch-immer in die Luft.

Bumm. Autsch.

Warum hat das nicht geklappt? Weil man beim Foltern nie weiß, wann der Gefolterte die Wahrheit sagt. Dass er irgendwann reden wird, ist klar. Dass er auch irgendwann die Wahrheit sagt, damit die Folter aufhört, ist hochwahrscheinlich. Dass der Folterer keine Ahnung hat, wann der Gefolterte die Wahrheit sagt, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit — das ist sicher. Andernfalls hätte er die arme Sau ja nicht erst foltern müssen, oder?

Szenario 2: Ein narzissistischer junger Mann lockt einen Bankierssohn zu sich in die Wohnung, ermordet den Knaben, versteckt die Leiche und fordert von den Eltern eine Million Euro Lösegeld. Nach der Übergabe des Geldes wird er überwacht. Als klar wird, dass er sich aus dem Staub machen will, greift die Polizei zu. Bei den Verhören gesteht der Täter schnell, dass er den Jungen entführt habe, aber den Mord erwähnt er nicht. Die Polizei steht unter enormem Druck (großer Fall, wichtige Eltern, Interesse der Presse), und irgendwann wird der verantwortliche Chefoberpolizist nervös und beschließt, jetzt mal Folter anzudrohen. Der Bösewicht gesteht sofort alles und führt die Polizei zum Versteck der Leiche.

Sieg! Folter rettet den Tag (wenn schon nicht das Opfer…)!

Warum hat das hier geklappt? Weil Gäfgen kein Fanatiker war, der bereit war, sein Leben zu opfern, um maximalen Schaden anrichten zu können, sondern ein armes kleines Schwein, das sich ein schönes Leben machen wollte. Als Gäfgen bei der Polizei saß, wusste er, dass sein Spiel vorbei war, und dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er im Knast sitzen würde. Aber solange er noch verhört wurde, solange war er noch nicht im Knast! Da war er noch nicht Häftling Arsch, der Kindermörder, sondern da war er ein wichtiger Verdächtiger! Da stand er nochmal so richtig im Mittelpunkt! Kein Wunder, dass er diesen Status so lang wie möglich halten wollte: alles, was danach kam, war schlimmer.

Wenn der junge Jakob von Metzler zum Zeitpunkt der Verhöre noch gelebt hätte, dann hätte Magnus Gäfgen sofort gestanden und der Polizei das Versteck seiner Geisel verraten. Diese Art der Kooperation erspart einem vor Gericht ja schnell ein paar Jahre, das wird die Polizei ihm auch gesagt haben. Dummerweise hatte er aber nicht mehr die Möglichkeit, das Versteck einer lebenden Geisel zu verraten, und den Mord wollte er halt nicht gestehen. Da kann man dann schonmal seinen verzweifelten Vernehmer mit Schweigen in den Wahnsinn treiben, weil selbst dieser Schwebezustand beim Verhör besser ist als das Geständnis, ein Kindermörder zu sein.

In dem Moment, als Gäfgen angedroht wurde, man werde ihn foltern, änderte sich die Ungleichung von „weiteres Verhör ist besser als Kindermörderstatus“ zu „Kindermörderstatus ist besser als Folter“, und Gäfgen redete. So gesehen hat die Folter funktioniert, wenn sie auch Jakob nicht mehr nutzte. Aber: Der Grund, warum die Folter hier funktionierte, ist gleichzeitig der Grund, warum die Folter hier nutzlos war!

Wo in dieser Geschichte finden sich denn Parallelen zu Terroristen? Welcher fanatische Bombenleger aus einem diese „die Bombe tickt“-Szenarien sitzt denn im Verhör und sagt sich: „Och, ich war ja bereit über Leichen zu gehen und mein eigenes Leben für die gerechte Sache zu geben — aber bevor ich jetzt noch ein paar Stunden Leiden aushalte und meine Mission erfülle, schmeiße ich lieber schnell alles hin und rede“?

Aber wenn jemandem die moralischen Gründe, die gegen Folter sprechen, egal sind, dann will er, dass Folter funktioniert, und dann wird er solche Details fröhlich ignorieren.

Die Inquisition hat Folter aufgegeben, weil sie unzuverlässige Informationen lieferte. Der KGB hat Folter hauptsächlich eingesetzt, um Geständnisse zu erpressen, mit denen man dann Säuberungsaktionen rechtfertigen konnte.

Alle im Chor: Folter liefert keine Informationen von Verdächtigen — Folter liefert Geständnisse von Feinden.

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