Pseudokrupp: ein Spaß für die ganze Familie

Gestern abend hatte ich Kinderdienst, weil Susanne einen Termin hatte. Das versprach, ein ruhiger Abend zu werden: Simon hatte seinen letzten Schnupfen gerade überwunden und war seit ein paar Tagen wieder das bestgelaunte Kind der Welt. Gute Vorraussetzungen, um noch ein-zwei Stündchen zu programmieren.

Pustekuchen.

Gegen 22 Uhr hörte ich über das Babyphon ein Schluchzen und wanderte rüber zur Kinderzimmertür. Nochmal ein Schluchzen, lauter und irgendwie verzweifelter. OK, also rein und den kleinen Pupser trösten, bevor er sich richtig reingesteigert hat. Kein Problem soweit.

Es ist nicht witzig, wenn man über seinem Kind steht und sich dessen Atmen anhört wie das „Huunk-huuuunk!“-Bellen eines Seehundes. Der Zwerg kriegte offensichtlich nicht so richtig Luft, und mit einem Schlag war mein Puls bei 180. Was war da los? Baumelkette zerrissen und Holzperle verschluckt? Schnuffeltuch bis in die Bronchien inhaliert? Mit abgebrochener Bett-Gitterstange den Brustkorb perforiert und jetzt eine kollabierte Lunge? Versehentlich beim nächtlichen Umdrehen den eigenen Kehlkopf zerbröselt? Verdammt, wie hat der Typ in dieser Notarztserie damals den Luftröhrenschnitt gesetzt? Mit Taschenmesser und Stifthülse?
Jaaa, das war erstmal ein wenig… verwirrend.

Irgendwann fiel mir dann ein, was dieser Kinderarzt beim Kurs „Notfälle im Kindesalter“ über Pseudokrupp erzählt hatte, und dass sich das meist schlimmer anhöre, als es sei. Nicht sofort tödlich, jedenfalls. Kind warm einpacken und eine Runde um den Block drehen, dann geht es meistens schon besser.

Sowas zu wissen beruhigt ungemein.

Mannomann, ich bin wirklich froh, dass wir diesen Kurs belegt haben. Jetzt werde ich ganz cool bleiben, wenn mein Kind auf der Straße liegt und irgendwelche Knochenenden aus dem Jackenärmel rausstehen, und Wiederbelebungsmaßnahmen bei Wesen, denen man mit dem Daumen in den Brustkorb drücken kann, können nicht mehr schrecken. Ausserdem weiß man ja nie, wann man eine Beule von einer Schädelfraktur unterscheiden muss… („Ach, diese Beule hier? Zeig mal her… Jaja, das ist Gehirnflüssigkeit, die durch den Bruch des Schädelknochens ausgetreten ist und da draußen jetzt eine Blase bildet, schwabbelschwabbel. Kein Pogo in den nächsten Wochen, klar?“).

Jedenfalls war da auch von Pseudokrupp die Rede, und dass frische Luft oft helfe. Ich also Jacke an und raus. Joah, frisch wars wohl, bei sowas wie -3 Grad. Dummerweise hatte ich beim Anziehen ein panisch zappelndes Kind auf dem Arm, und dementsprechend war mein Halstuch nicht ordentlich gewickelt und in meinen Schuhen steckten bloße Füße. Zum Glück wärmt so ein Säugling vor dem Bauch ja ganz gut.

Irgendwann kam dann auch die Rettung in Form der souveränen, ruhigen, entspannten, belastbaren und kälteresistenten Kindsmutter, und meine Tragzeit war vorüber. Zumindest, nachdem Susanne bei der Nachtapotheke für den Gegenwert der südafrikanischen Jahresdiamantenproduktion ein paar Kortisonzäpfchen und Hustensaft besorgt hatte, was die Atemnot aber nicht so recht linderte. Der Knabe lag bei uns im Schlafzimmer und hupte bei jedem Atemzug.

Bei der nächsten Attacke beschlossen wir dann, doch mal in die Uniklinik zu fahren, wo ein junger Assistenzarzt Simon durchcheckte und nach gründlicher Überlegung und ein paar Telefonaten aus der Krankenhausapotheke eine dreiviertel (also eine halbe und ein Viertel, und zwar handzerhackt!) Kortisontablette besorgte, was dann tatsächlich für ein Weilchen reichte. Die Zeit von 3:45 Uhr bis 5 Uhr haben wir nämlich geschlafen — aber danach saß Susanne erstmal wieder auf dem Balkon, mit einem röchelnden Deckenberg auf dem Schoß, und fror sich den Allerwertesten ab.

Naja. Im Laufe des Tages haben wir häppchenweise Schlaf nachgeholt, und jetzt sind wir fit genug, um der nächsten Nacht ins finstere Antlitz zu blicken; wenn nicht furchtlos, so doch resigniert.

Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn es heißt:

Pseudokrupp: ein Spaß für die ganze Familie!

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5 Antworten zu “Pseudokrupp: ein Spaß für die ganze Familie

  1. Frederik Klama

    *lol*

    Du hast eine sehr amüsante Art so ein Drama zu beschreiben.

    Meine Eltern mussten das wohl regelmässig durchmachen, den ich hatte damals noch schlimmes Asthma, und habe deshalb sehr oft Cortison bekommen.

    Ich habe sogar noch Erinnerungen wie ich am Küchentisch das Bewusstsein verloren habe (weil ich nicht genug Luft bekommen habe)… …solange der Knirps bei Bewusstsein ist und ordentlich ‚röchelt‘ ist noch alles im gelben Bereich… …wenn er mit dem ‚röcheln‘ doch plötzlich aufhört oder das Bewusstsein verliert, solltest du dir ernsthaft Sorgen machen… ;)

  2. Ich bin ja kein Arzt und hab auch keinen Kindernotfall-Kurs besucht, aber für mich klingt das nach deiner Beschreibung eher nach Asthma-Anfall als nach Pseudokrupp.

    Neues Waschmittel, neue Bettdecke, irgendwas neues gegessen? Ansonsten blühen gerade Erle und Hasel, Weide fängt jetzt auch an.

  3. @Frederik: Na, wenn Deine Eltern das regelmäßig mitgemacht haben, dann haben Sie ja vielleicht irgendwann Übung darin gekriegt, ihrem Sohnemann dabei zuzusehen, wie er um Luft ringt. Aber das ist eine Erfahrung, die ich nicht unbedingt nochmal haben muss.

    Ja, klar: wenn’s hupt, dann kommt noch was durch, kein Problem. Aber sonderlich gemütlich und entspannt wirkte das beim Kleinen nicht gerade…

    @Jutta: Nee, bei Asthmatikern klingt es, finde ich, immer eher nach Pfeifen im gesamten Leitungsnetz. Bei Sohnemann gestern war aber offenbar nur der Kehlkopf betroffen, vielleicht noch etwas Schleim in den Bronchien. Das klang wirklich, als würdest Du beim Einatmen einen Esel, Affen oder Seehund nachahmen.

    Und weder Susanne noch ich haben jemals irgendwelche Asthma-Anfälle gehabt und sind, soweit ich weiß, vollkommen allergiefrei. Was für den Kleinen, zugegeben, nichts heißen muss — aber auch der Arzt diagnostizierte Pseudokrupp und nicht etwa einen allergiebedingten Asthmaschub.

    Wir werden sehen.

    Die letzte Nacht und der heutige Tag waren im Großen und Ganzen beschwerdefrei, er hustet noch gelegentlich, aber zumindest klemmt’s nicht mehr beim Einatmen. Vielleicht gehört er ja zu dem einen Drittel Eine-Nacht-Pseudokrupper.

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