Menschen, Räder, Sensationen

Es war ein kühnes Unterfangen, und zwischendurch schien es zum Scheitern verurteilt. Die Vorbereitungen waren überhastet, die Ausrüstung ungetestet, das Training unzureichend, nur halbherzig der Wille: ein Misserfolg hätte niemanden erstaunt!

Umso größer war die Begeisterung, als sich am Samstag gegen Abend abzeichnete, dass wir es tatsächlich schaffen würden, mit Sack und Pack und Kind und Kegel die fast 90 Kilometer von Münster nach Bocholt mit dem Fahrrad zurückzulegen.

Ha! Unschlagbar!We Are The Champions„!
Becker-Faust und Jubelschreie!

Mit dem Fahrrad 90 Kilometer an einem Tag, das ist ja grundsätzlich kein größeres Problem, das fahren die Jungs bei der Tour de France ganz locker vor dem Mittagessen und Langstreckenradler wie Buschnick gerne auch täglich. Wenn man aber hoffnungslos aus der Übung und mittlerweile übergewichtig ist, wenn die Satteltaschen mit Gepäck überquellen und man einen Fahrradanhänger samt nöligem Nachwuchs hinter sich herschleppt, wenn die Baumberge auf dem im Weg liegen, die Temperaturen Saharawerte erreichen, die Augen von Sonnencreme und Schweiß brennen und man ja eigentlich, eigentlich jederzeit den Sprinterbus nehmen könnte — da sieht es dann plötzlich schon ganz anders aus mit dem „kein größeres Problem“.

OK, ganz so dramatisch war es nicht. Aber schlauchig schon, und heiß, und lang. Der Kleine hat es (bis auf die letzte halbe Stunde) bewundernswert locker genommen, was an den regelmäßigen Pausen gelegen haben kann. Die haben uns natürlich auch geholfen, besonders nach den Baumbergen. Jungejunge, so ein Anhänger am Heck zieht einen schon ganz schön runter. An den Steigungen war ich immer recht rasch im allerkleinsten Gang und musste wie verrückt hinter meiner Schrittmacherin herkurbeln; einmal ist mir sogar das Vorderrad hochgekommen, weil ich mich nicht mehr weit genug über den Lenker gebeugt habe.

Aber Spaß gemacht hat’s schon, irgendwie. Und was haben wir jetzt aus dieser kleinen Tour gelernt?

  • viel Wasser trinken,
  • mit Sonnenschutz eincremen,
  • regelmäßige Pausen für Junior und Senioren einplanen,
  • Lowrider besorgen, damit nicht alles Gewicht hinten ist,
  • im Zweifel lieber an der direkten Landstraße bleiben, als dem §$%&*#! Radweg zu folgen, der links auf eine §$%&*#! Schotterpiste abbiegt, welche dann durch Nadelwälder, Steinwüsten, Tundra und über einen §$%&*#! Hochgebirgspass führt, um endlich, Jahre später, wieder auf die Landstraße zu münden — zwei Kilometer hinter der Radweg-Abzweigung. Witzbolde …
  • lieber kürzere Etappen bis 50 Kilometer machen: 8 Stunden Reise ist für Einjährige zuviel, Krabbelpausen hin oder her,
  • mehr auf die Gasthaus-Zeichen auf der Karte achten: wenn der Magen sowieso schon knurrt, dann nervt es besonders, wenn man fünf Kilometer auf der Suche nach einem Mittagessen herumgurken muss,
  • im Zweifel lieber eine spießiges, aber hoffentlich sauberes Wirtshaus Marke „Röhrender Hirsch“ wählen als eine verlotterte Billig-Pizzeria, in der nach der Weihnachtsfeier 1998 das letzte Mal gewischt wurde,
  • wenn es die verlotterte Billig-Pizzeria sein muss: den kleinen Krabbler regelmäßig in den Wischeimer tunken und nach dem Essen vom Wirt Geld für die Bodenpflege verlangen.

Ich glaub, das war’s.
Fein.

Dann steht einem längeren Fahrradurlaub ja nichts mehr im Wege. Hmmm… Ob wir es in den Sommerferien bis nach China schaffen?

Advertisements

4 Antworten zu “Menschen, Räder, Sensationen

  1. Fahrt lieber zu den Franzmännern. An der Atlantik-Küste sind uns n paar Pärchen mit Krabblern im Hänger begegnet. Die fanden das zwar recht anstrengend, aber dennoch empfehlenswert. Und Frankreich ist so hügelig oder flach wie man sich eben die Route aussucht… Müssten nur noch ne gescheite Sprache sprechen.

  2. Ich empfehle einen Urlaub in den benachbarten Niederlanden. Vor allen Dingen Drenthe ist sehr hübsch, die Menschen enorm freundlich und die Sprache eigentlich noch recht gut zu verstehen. Die Hügel halten sich in Grenzen und dürften selbst mit Kinderanhänger zu schaffen sein. Und diese Radwege! Ein Traum. Übernachten kann man als Radreisender sehr günstig bei Vrienden op de Fiets, private B&Bs für 16 € inklusive Frühstück und Familienanschluss.

  3. Dann schon eher Niederlande als Frongraisch. Da kann ich zwar die Sprache nicht, aber es ist einfach näher dran: um in den paar Tagen Sommerferien einen Radurlaub an der französischen Atlantikküste zu machen, müsste man schon mit dem Zug anreisen — oder die erste Woche Akkord-Etappen fahren, bis man erstmal da ist. Und dazu bin ich, ehrlich gesagt, einfach zu faul.

    OK, dann werden wir uns wohl am Besten mal über Vrienden op de Fiets schlaumachen.
    Danke für den Tipp, Jutta!
    :-)

  4. In und um Bocholt kann man sich nicht mehr verirren (auch Niederlande):

    http://www.wiwo.de/technik/navigation-auf-umwegen-294602/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s