Nasse Asse

Während meines Austauschjahres in den USA (Oakridge, Oregon: 3.600 Einwohner, zwei Ampeln — oder waren es drei?) hatte ich einen Chemielehrer, der begeistert war von Atomkraft. Alle naselang lästerte er über Umweltschützer und Atomskeptiker, unter anderem mit der Begründung, dass alle Strahlung, die da genutzt wird, ja sowieso schon in der Natur vorkäme und ausserdem gar nicht so gefährlich sei. Er jedenfalls hätte mal eine Führung in einem Atomkraftwerk mitgemacht, und das sei gar nicht gefährlich gewesen, und überhaupt würde da immer ganz toll aufgepasst.
Das Thema Endlagerung war für ihn auch kein Problem, schließlich gäbe es ja genug alte Minenschächte, und soviel strahlender Atommüll fiele ja sowieso nicht an, bei den paar Brennstoffstäben, und das sei alles technisch lösbar.

Mann, was habe ich mich mit ihm gezofft…

An diesen netten älteren Herren muss ich jedesmal denken, wenn ich über Endlagersicherheit sinniere und über die Diskrepanz zwischen Halbwertszeiten und geologischen Vorgängen einerseits und der menschlichen Lebensdauer andererseits. Dazu hat Herr Birkenhake was Gutes auf „anmut und demut“ geschrieben:

„Das „Versuchsendlager“ in Asse gibt es seit 43 Jahren. Die Bundesrepublik Deutschland, die das Lager betreibt, gibt es seit 59 Jahren. Den Staat ‚Deutschland‘, den rechtlichen und organisatorischen Vorgänger der BRD gibt es seit 137 Jahren. Die deutsche Sprache, die praktische alle Kommunikation und Verwaltung in Deutschland regelt, gibt es seit ca. 1200 Jahren. Das Lateinische Alphabet, das der deutsche Sprache seine nachhaltigste Form verleiht, gibt es seit 2700 Jahren. Die Halbwertszeit von Plutonium beträgt 24.100 Jahre. Die Halbwertszeit von Uran beträgt 704 Millionen Jahre. Wie kann ich jemanden ernst nehmen, der versucht mir weiss zu machen, man können auf etwas so Gefährliches wie radioaktive Abfälle über einen so langen Zeitraum aufpassen, ohne dass jemandem etwas passiert und ohne dass die Kosten ins Astronomische wachsen?“

Amen, Bruder.

Eine Menge Leute haben da fleißig geforscht und gebastelt (löblich), fleißig Geld damit verdient (nicht grundsätzlich verwerflich) und die Gefahren und im Endeffekt unkalkulierbaren Gesamtkosten der Allgemeinheit aufgebürdet (böse). Oder kann mir jemand von der Atomlobby vorrechnen, wie man eine Endlagerstätte bis zum Ende der Menschheit bewachen will, ohne dabei Pleite zu gehen?

Die einzige Lösung, die mir dafür einfällt, klingt wie aus dem Science-Fiction-Roman: eine pseudo-religiöse Bruderschaft, deren Aufgabe und heilige Pflicht darin besteht, das Endlager zu bewachen. Und ich bin dafür, dass die komplette Atomwirtschaft vom mittleren Management aufwärts dafür zwangsverpflichtet wird.
Zölibat ist meinetwegen auch optional.

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Eine Antwort zu “Nasse Asse

  1. Danke für den Segen.

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