Geburt im Wald

Vorsicht, Blut: Sarah Schmid hat ihr zweites Kind im Wald hinter dem Haus geboren, allein.

Daraufhin wurde sie mit Kommentaren überschüttet, die die komplette Skala abdeckten von „Du, ich find das total gut, Du, und so total eins mit der Urmutter in Dir, Du!“ bis hin zu „UNVERANTWORTLICHE PERSON, IHNEN GEHÖREN DIE KINDER WEGGENOMMEN!“.

Zugegeben, zuerst war ich auch irritiert. Kind im Wald zur Welt bringen? Büschen sehr natürlich, was?

Beim zweiten Nachdenken fand ich es dann nichtmehr ganz so riskant. Was mich aber gestört hat bei dem Artikel war gar nicht so sehr, dass Frau Schmid ihr Kind alleine im Dunkeln im Wald zur Welt gebracht hat, sondern warum sie diesen extremen Weg gewählt hat. Da scheint eine Menge Misstrauen gegenüber Ärzten und Hebammen in der Luft zu liegen. Allein schon das „ohne medizinische Interventionen und daraus folgenden Komplikationen“ bei der Geburtsbeschreibung spricht Bände.

Was haben wir denn für Kriterien für sträflichen Leichtsinn bei Geburten, und wie sieht der Fall hier aus?

  • Nichts gegen eine Geburt ausserhalb des Krankenhauses, wenn es vorher keine Anzeichen für Komplikationen gibt.
  • Nichts gegen eine Geburt ohne Ärzte und Hebammen, wenn man sowas schon oft genug gemacht hat, um eine „Standardgeburt“ ohne fachliche Hilfe stemmen zu können.
  • Nicht mal was gegen eine Geburt im Wald, solange im Notfall das nächste Krankenhaus schnell erreichbar ist.
    (Nebenbemerkung: Wie es scheint hat sie zumindest ein Handy dabei gehabt, und wenn sich das Ganze, wie sie schreibt, in Ännaryd bei Vetlanda abgespielt hat, dann war das nächste Krankenhaus wohl auch nicht viel weiter als fünf Kilometer entfernt. Natürlich immer unter der Prämisse, dass Vetlanda, ein Ort mit 12.000 Einwohnern, auch ein Krankenhaus hat, und in der Hoffnung, dass es die Landstraßen dort erlauben, einigermaßen schnell zu fahren. Wenn ich da an die kanadischen Schotter-„Highways“ denke…)

Fazit: gefährlicher als eine professionell begleitete Geburt — nicht ganz so gefährlich wie ursprünglich gedacht.

Aber ich frage mich, was Frau Schmid für schlechte Erfahrungen mit Ärzten und Hebammen gemacht haben muss, um sie derart heftig abzulehnen. Bei unserem einen Mal bisher habe ich zumindest nur ruhiges, gelassenes, zurückhaltendes „Hilfpersonal“ kennengelernt, das der werdenden Mutter die Wahl gelassen hat, wo, wie, wann, in welcher Lage und in wessen Begleitung sie ihr Kind kriegt. Da war kein Drängen, weil der Kreissaal frei werden musste, da war kein „Oh, das könnte vielleicht Probleme geben — wollen Sie nicht lieber gleich einen Kaiserschnitt?“, da war kein „Wir machen das jetzt so, BASTA!“.

Wir haben damals gleich nach der Geburt beschlossen, dass wir beim nächsten Kind wieder eine Hausgeburt anpeilen, und wir hoffen, dass das Balg sich dann rechtzeitig umdreht und die Nabelschnur in Ruhe lässt. Aber ich bin doch froh, dass auch eine solche Hausgeburt nur ungefähr drei Blaulichtminuten vom Uniklinikum entfernt stattfinden würde und nicht im Wald, abseits der nächsten Straße, Viertelstunden vom nächsten Notarzt entfernt.

Jedem sein sumsquiek.

Edit, 2008-09-17, 20:40 Uhr:
Habe gerade den Geburtsbericht dieser Frau Schmid gelesen, und jetzt sehe ich diese Aktion weniger entspannt. Falls sie sich wirklich fünf Minuten vom Haus entfernt hat, während alles schlief, dabei keine Getränke, Nahrungsmittel oder wärmende Klamotten mitgenommen hat, und das alles in einer Gegend, wo die Handyverbindungen manchmal hakeln („Irgendwie hängte sich der Apparat auf, aber beim zweiten Rückrufversuch erreichte er mich“), dann halte ich das tatsächlich für unverantwortlich. Wenigstens eine zweite Person hätte anwesend oder mindestens in Rufreichweite sein müssen.

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9 Antworten zu “Geburt im Wald

  1. jau. unterschreib isch. soffott und alles.

  2. rapunzelchen

    vor allem den letzten absatz, bemerkte ich auch schon bei frau ami in den kommentaren. die sache mit dem handy ist mir auch sowas von aufgestossen…

  3. Lach, in Kanada würde ich nochmals genau überlegen, ob ich im Wald gebähren möchte… da hätte ich berechtigte Angst um Bären und sonstige Tieren!

    (Off Topic: welche Schotter Highways?)

  4. @ edit:

    Nur mal so: wenn eine gebährende Frau eine fünf minutigen Spaziergang im Wald unternimmt, muss das nicht heissen, dass sie weit gekommen ist. Sag ich nur.

  5. @Andrea: Och, so ein bisschen Bärenspray in der Luft regt bei den Neugeborenen bestimmt auch ganz toll Atmung und Kreislauf an. Das mit der sanften Geburt hat sich dann zwar erledigt, aber immerhin sind Mutter und Kind dann nicht Bärenfutter.

    Und was die Schotter-Highways angeht: ich habe auf einer kanadischen Straßenkarte mal in der Legende so eine Unterteilung gelesen wie
    „Trail / Road / Highway / Highway (paved) / Freeway“. Dabei war nur der Freeway mit Leitplanken ausgestattet und ähnelte einer Autobahn. Der „paved Highway“ war eine Landstraße, der Highway eine Schotterpiste, die Road ein Feldweg und der Trail sowas wie ein Wildwechsel. Warum die letzteres überhaupt auf eine Straßenkarte gesetzt haben, ist mir schleierhaft, aber Kanadier sind offenbar großzügiger bei der Definition von „befahrbar“: „Och, die Steigung ist unter 50%, und man kommt mit einem Motorrad auch durch die Büsche — nehmen wir es mit in die Karte auf!“

  6. Ha, bist du schon auf so ’ne Piste gefahren? Im Winter macht das echt spaß, da gibts keine Straßen mehr (Whiteout), nur vorsicht vor Drahtzäune!!!

  7. Also, ich lebe ja nun seit fast vier Monaten hier im Land der Baeren und Schotterpisten (letztere habe ich wirklich schon zur genuege gesehen und erlebt, erstere bisher noch nicht, obwohl ich hin und wieder einen Baerenschiss auf dem Grundstueck auszumachen glaube und Nachbarn immer mal wieder von dem Schwarzbaeren berichten, der hier rumgurkt …).

    Wuerde ich hier werfen … aeh … gebaehren, dann wuerde ich mich vorher so gut es geht auf eine Hausgeburt einrichten, einfach, weil ich keinen Bock haette, mit Wehen und wahrscheinlich voellig gestresst die 45 km bis zum naechsten Krankenhaus zurueckzulegen. In Tatamagouche (immerhin noch 14 km weit weg) gibt es immerhin einen Emergency-Room, fuer den Notfall gut zu wissen, aber zum regulaer Kinder kriegen wohl eher nicht gedacht.

    Darauf, die waermenden und schuetzenden vier Waende zu verlassen, haette ich aber im Geburtsfalle, Erdmutter hin, Naturverbundenheit her, absolut keine Lust. Ich melde mein potentielles Kind ja gerne spaeter bei einem Waldkindergarten an oder so, aber irgendwie haben Haeuser an und fuer sich echt einen gewissen Charme. Wir hatten heute uebrigens den ersten Nachtfrost und ich kann jetzt auch tatsaechlich schon wieder meine Finger bewegen, die mir vom Salatwaschen im eiskalten Wasser bei erfrischenden 2 Grad etwas kuehl geworden waren … nee nee, bleib mir weg mit romantischer Wildnis und Naturnaehe … ich will ein Federbett und ein Kopfkissen. Mit Waenden drum herum.

    Im Uebrigen erinnere ich mich, mal irgendwo gehoert zu haben, dass Menschen (und sogar Primaten, wenn ich mich recht erinnere) deswegen eine komplexe Sozialstruktur entwickelt haben, weil sie im Gegensatz zu den meisten anderen Tierarten in der Regel nicht in der Lage sind, ihre Nachkommen alleine auf die Welt zu bringen. Kennt sich da jemand aus? Gibt es sowas wie Geburtshilfe bei Chimpansen, Gorillas, Orang-Utangs oder Bonobonos?

  8. Bin hier gerade über diesen Blog gestolpert und vor allem über diese Überschrift. Das grenzt an ne Freakshow oO

  9. @Andrea: Ja, ich bin schon auf solchen Pisten gefahren, stundenlang und voll beladen.
    Wenn man mal Schotter spritzen lassen will und einem der Wagen nicht gehört, dann ist das ja spaßig — aber regelmäßig und erzwungenermaßen? Da nehme ich doch dankend Asphalt. Das Fahrrad rollt da auch gleich viel besser…

    @Jutta: Der Mensch ist wie alle Primaten ohne Zweifel in der Lage, seinen Nachwuchs alleine zur Welt zu bringen — aber die Überlebenraten für Mutter und Kind steigen enorm, wenn erfahrene Helfer und eine gewisse medizinische Infrastruktur zur Verfügung stehen. Aber für Affen kannst Du ja einfach mal den nächsten Zoo fragen.

    @Melea: Du meinst mit „Freakshow“ aber nur diesen Artikel, oder?
    *schaut verunsichert die Liste der Artikel durch*

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