Die Einschläge kommen näher

Am Wochenende ist meine Oma gestorben.

Offenbar ein Herzinfarkt.

Meine Mutter hörte ein RUMMS! aus Omas Zimmer, rannte hinein und fand sie auf dem Teppich vor dem Tisch, kalkweiß, auf dem Rücken, ohne Atmung oder Puls. Vermutlich war sie schon tot oder zumindest ohne Bewusstsein, bevor sie auf dem Teppich landete.

Wir sind am Abend noch zu meinen Eltern gefahren und haben Oma — hmmm… besucht? Eher: von ihr Abschied genommen. Es war erstaunlich, wie die Leiche meiner Oma einerseits meiner lebenden Oma extrem ähnelte, andererseits aber ganz klar nicht mehr meine Oma war. Ein sehr sonderbarer Effekt: so vertraut und doch plötzlich so fremd.

Zu Anfang war sie noch warm, und trotz der Leichenblässe erwartete ich, während wir so um sie herumsaßen und -standen, jeden Moment einen Atemzug. Später, als wir dann gingen und ich sie nochmal streichelte, war sie schon ganz kalt. Tot. Trotzdem noch irgendwie Oma.

Hmmmnja.

Sowas macht zum einen Angst vor dem Verlust geliebter Menschen, zum anderen hat man plötzlich die eigene Sterblichkeit unangenehm unter die Nase gerieben bekommen: „So, das waren die Großeltern, fertig. Als nächstes kommen Deine Eltern dran, und dann — naaa? Wie fühlen wir uns denn heute? Oh, war das gerade ein Stechen in der Brust, hmmm?“

Halts Maul, Sensenmann, ich habe gerade erst mit der Fortpflanzung angefangen…

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3 Antworten zu “Die Einschläge kommen näher

  1. Mein herzliches Beileid. Ich habe deine Oma ja nie kennengelernt, aber du hast oft von ihr erzählt und ich fand es cool, dass du immer noch eine Oma hattest (meine Großeltern sind alle schon ziemlich lange tot).

    Interessanterweise habe ich heute nacht von deinen Eltern geträumt, übrigens. Frag mich nicht … war ein ziemlich wirrer Traum und die kamen auch nur ganz am Rande vor, was ich aber so erstaunlich fand, dass ich mich tatsächlich schon während des Traumes gefragt habe „was mache die denn hier?“. Zumal du überhaupt nicht vorkamst und der Traum auch nix mit dir zu tun hatte.

    Was mir aber beim Lesen deines Blogeintrags in den Sinn kam: was macht man in so einem Fall eigentlich? Ich meine, in Anbetracht des Alters deiner Oma wird ja niemand anzweifeln, dass es sich um einen natürlichen Tod handelt. Ruft man trotzdem die Polizei? Oder den Hausarzt? Irgendwen muss ja den Totenschein ausstellen. Und wie lange darf man eigentlich eine Leiche dann noch zu Hause behalten?

    Ich hoffe, das wirkt jetzt nicht Pietätslos. Sind halt nur so Fragen, mit denen man sich normalerweise eher nicht auseinandersetzt, bis dann eben doch jemand tot vor einem auf dem Teppich liegt.

    Liebe Grüße,
    Jutta

  2. Hausarzt. Der stellt den Tod fest (das kann ein Laie ja nicht :-)) und schreibt den Schein (und kriegt manchmal dafür später Geld, auch wenn _das_ pietätlos erscheint, aber für die Leichenschau kriegt er sonst nix, der Patient ist ja keiner mehr). Das Bestattungsgesetz NRW sagt, dass der oder die Verstorbene innerhalb von 36 Stunden in eine Leichenhalle überführt werden muss (Ausnahmen sind möglich), beerdigt werden darf ab 48h nach Ableben und muss bis 8 Tage danach. Soviel zur Romantik.
    Lieber Christian! Tut mir leid um Deine Oma, die ich nicht kannte. Als meine Oma im Dezember (endlich!) an den Folgen ihres Schlaganfalles gestorben war (und kurz danach ihre ältere Schwester, deren Lebensaufgabe ja damit jetzt hinfällig war), kam es mir so vor, als ob die Familie K. jetzt wirklich ausstirbt. Zum Glück hat mein Bruder dann fast gleichzeitig mit Kind Nummer 2 für eine Fortsetzung der Familienchronik gesorgt… Ist schon komisch, Sterben und Leben so nah beieinander. Als mein Stiefpapa gestorben ist, war meine Nichte auch schon unterwegs. Ich kenne dieses Gefühl „ist er´s noch oder ist er´s nicht mehr?“ auch sehr gut, verwirrt mich immer noch bei jedem Todesfall (gerade, wenn ich den- oder diejenige länger gekannt habe), und bei Familie oder Freunden setzt auch immer noch die Verdrängung ein. Zum Glück sehe ich heute nicht mehr so viel die Bilder des Toten in der Erinnerung (das war ja mal anders, von meinem Vater waren die einzigen Bilder in meinem Kopf über bestimmt 2 Jahre die, wie er im Sarg gelegen hat…), sondern ihr Leben. Trotzdem gehört das zum Abschiednehmen auch dazu.
    Gut, dass es anscheinend so schnell gegangen ist!

    Viele liebe Grüße auch an Frau und unbekanntes Kind von
    Annika

  3. @Capella: Oh, auch ältere Leuten werden noch ermordet. Von der Pflege überforderte Angehörige, gierige Erben, alte Feinde, Satanisten auf der Suche nach einem Menschenopfer… was man halt so kennt. Da kommt es gerüchteweise auch vor, dass dem Totengräber beim Umbetten eines Uralt-Grabes plötzlich aus dem Schädel ein Projektil entgegenkullert.

    So gesehen ist es ganz gut, wenn auch diejenigen Leichname sorgfältig untersucht werden, die vorher die längste Zeit noch keine Leichen waren. Meist stellt wohl der Hausarzt, wenn er die Familie entsprechend lange kennt, den Totenschein ohne viel Federlesen aus: „Tja, dann hat das Herz wohl doch irgendwann aufgegeben.“ Da kann der eine oder andere Mord schonmal unentdeckt bleiben.

    Ein perfekter Mord wäre aber bei meiner Oma schwierig geworden dadurch, dass sie schon vor einer Ewigkeit ihren Leichnam der Anatomie vermacht hatte. Damals hieß es offenbar noch, die Leiche müsse innerhalb von zwei Stunden in der Leichenhalle sein, damit man sie ordentlich konservieren könne. Das hat sich aber wohl inzwischen geändert, und die Übergabe gestaltet sich deutlich entspannter.

    War wohl auch gut so, weil die Kripo und der Arzt etwas länger gebraucht haben mit der Untersuchung. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist eine Polizistin durch jedes Zimmer der Wohnung gegangen und hat sich umgesehen — wozu auch immer. Wollte die nachsehen, ob irgendwo ein blutbefleckter Hammer rumlag? Suchte sie nach Anzeichen von nicht artgerechter Senioren-Haltung? Keine Ahnung.

    Jedenfalls soll eine Leiche ausgezogen und rundum auf Verletzungen untersucht werden, und dabei werden die Angehörigen rausgeschickt. Das scheint bei meiner Oma auch sehr sorgfältig gemacht worden zu sein.

    @Cassia: Früher hieß es doch, dass bei jeder Beerdigungsfeier eine Hochzeit angebahnt werden solle. Eine andere Version des Sprichworts sagt sogar was von Kind zeugen, aber das gabs dann wohl eher bei den dreitägigen dorfweiten Leichenschmausen damals. Jedenfalls hat meine Oma noch lange genug durchgehalten, um sich die ersten Zwillings-Fotos von Urenkeln vier und fünf auszudrucken. Die Forderung der anderen Enkelin, noch den Geburtstermin des nächsten Urenkels (im August) abzuwarten, hat sie abgewiesen. War dann auch konsequent und ist prompt gestorben.

    Was die Bilder im Kopf angeht: in meiner Erinnerung sah ich meine Oma eigentlich immer am Tisch sitzend und lesend oder Kreuzworträtsel lösend. Natürlich sind jetzt die frischen Bilder erstmal im Vordergrund, aber das wird sich bestimmt wieder geben.

    Vielen Dank für die Grüße, die richte ich aus. :-)

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