Keine Panik! Macht euch nur ein wenig Sorgen…

Jetzt erst über Anne Roth gefunden: in der Frankfurter Rundschau erschien schon am 03. Juli ein guter Artikel von Frau Kiyak, in dem sie die Panikmache des Innenministeriums zerreist:

Hier sind die sensationellen Ermittlungsergebnisse:

Es könnte in Deutschland ein Anschlag verübt werden. Ein möglicher Grund wäre, dass man damit den Rückzug der deutschen Truppen in Afghanistan erpressen will. Die Attentäter sind entweder Islamisten, Terroristen oder islamistische Terroristen, in allen drei Fällen sind sie „potenziell gefährlich“. Auf jeden Fall gehören sie zur El Kaida. Dazu zählt jeder, der eine Sure murmelt, bevor er die Lunte im Rucksack zündet. Auch der „Rückkehrer“, der ein Terrorcamp in Pakistan besucht und mit einem Attentäterdiplom nach Deutschland zurückkehrt, könnte gefährlich sein.

Alles heiße Luft, was der Herr Staatssekretär da verkündet: mit ähnlich harten Fakten könnte man auch vor einem Putsch des Technischen Hilfswerkes warnen. Hey, die haben schließlich ausgebildete Sprengmeister in ihren Reihen!

Mich irritiert, dass niemand sich darüber aufregt, dass der Öffentlichkeit so ein diffuser Pudding aus Angstmache serviert wird. Wer genau hält sich denn in Deutschland auf, der ein solches Terrorcamp besucht hat? Plant er etwas? Wenn ja, warum ist er noch nicht festgenommen? Weil er doch nichts plant oder weil es ihm niemand nachweisen kann?

Oder gibt es konkrete Ermittlungsergebnisse, die man aber aus taktischen Gründen nicht verbreiten sollte? Weshalb werden der Presse dann Mitteilungen gemacht? Können nicht alle Sicherheitsbehörden einfach still und gewissenhaft ihre Arbeit erledigen? Offensichtlich nicht.

Danke, Frau Kiyak, Sie sprechen mir aus dem Herzen. Es nervt. Ich kann ja verstehen, dass alle Sicherheitsbehörden im Zweifelsfall lieber warnen als zu entwarnen — erstens sind sie dann wichtiger und kriegen ein größeres Budget, und zweites kann, falls tatsächlich mal was passiert, hinterher keiner sagen: „Wieso habt ihr uns denn nix gesagt?“ Dass aber diese Sicherheitsbehörden seit dem 11. September jeden Tag von neuem den Teufel an die Wand gemalt haben, steht auf einem anderen Blatt. Ein Wunder eigentlich, dass wir alle noch leben, bei soviel Terror überall. Heute abend schau ich als erstes unters Bett. Grmpf.

Mal ernsthaft: nimmt irgendwer diese „Hilfe, sie sind eventuell vermutlich überall, wir werden möglicherweise bestimmt vielleicht definitiv alle umgebracht, oder so“-Meldungen eigentlich noch ernst? Das ist doch längst nur noch Hintergrundrauschen: Staatsverschuldung, Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft, Terrorwarnung des Innenministers, das Wetter.
Guten Abend.

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5 Antworten zu “Keine Panik! Macht euch nur ein wenig Sorgen…

  1. Ich hab vor einigen Tagen – Himmel, ich weiß leider nicht mehr in welchem Blog – ein schönes Bild gesehen: Neben einem „Rauchen kann tödlich sein“ hatte jemand geschrieben „Butterbrot kann auch im Hals steckenbleiben“.

    Fand ich grandios.

  2. Was ist eigentlich aus den Wasserstoffperoxid-Terroristen aus dem Sauerland geworden, die angeblich einen Riesenanschlag geplant hatten und vor eineinhalb Jahren oder so in einer riesenaufgeblähten Aktion von Bundesgrenzschutz und Polizei verhaftet wurden? Fiel mir neulich wieder ein, als ich eine Ladung Wasserstoffperoxid in unseren Wassertank gegossen habe zum Reinigen.

  3. @Capella: Bisher gibt es nichts Neues von den Sauerländer Milchbubis. Aber die Ermittlungen werden vermutlich noch ein paar Monate laufen. Dann kommt ein Prozess, in dem verschiedene V-Männer wieder mal nicht aussagen müssen, was wie immer die Frage stellt, wieviel an Planung und Materialbeschaffung nicht die Angeklagten, sondern die sie ausspionierenden V-Männer gemacht haben, und dann werden die Jungs zu ihrem eigenen Schutz für ein paar Jahre verknackt, weil sie zu doof für die Welt sind.

  4. Von Eugène François Vidocq (über den es einen interessanten Wiki-Artikel gibt):

    „Denn politische Polizei heißt: eine Einrichtung hervorgerufen durch den Wunsch, sich auf Kosten des Staates zu bereichern, dessen Unruhe man beständig künstlich in Atem hält. Politische Polizei ist gleichbedeutend mit dem Bedürfnis, Geheimgelder aus dem Budget zu beziehen, mit dem Bedürfnis gewisser Beamten, sich selbst als unentbehrlich zu zeigen, indem der Staat in angeblicher Gefahr gezeigt wird.“

    Kann man auch gut übertragen auf das verhalten der behörden die sich mit Terrorabwehr beschäftigen.

    Und das ganze hat er sich vor schon vor bald 200 Jahren ausgedacht…

  5. Ja, das hat Vidocq gut getroffen.

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