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Pflegeanleitung für Hausdrachen

Neulich wieder ergooglet: einen alten Begleittext für ein Geburtstagsgeschenk. Von ein paar Wortwiederholungen abgesehen gar nicht mal schlecht, wenn man bedenkt, dass wir das mal eben in sowas wie einer dreiviertel Stunde zusammengeschrieben haben …

 

Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, sich einen Hausdrachen zuzulegen, sollten Sie einige Dinge beachten. Zunächst einige Worte vorweg zu den verschiedenen Drachenrassen:

Schwarze Drachen, auch Pestdrachen, Zorn der Götter oder Geißel der Menschheit genannt, können wegen ihrer besonderen Bösartigkeit nicht für die Haltung im Haus empfohlen werden. Obwohl es gelegentlich einigen verantwortungslosen Zeitgenossen gelingt, schwarze Drachen für ihre finsteren Machenschaften einzusetzen, müssen diese Vorkommnisse als Einzelfälle betrachtet werden, die meist tödlich für die Beteiligten enden (und für eine Menge Unbeteiligte).

Aus klimatischen Gründen scheiden Eisdrachen als Heimtiere ebenfalls aus. Damit bleiben eigentlich nur noch rote, grüne und goldene Drachen in der engeren Auswahl. Da goldene Drachen unter Naturschutz stehen, dürfen sie nach dem Artenschutzabkommen weder importiert noch als Haustiere gehalten werden. Rote Drachen sind ausdauernde Flieger und brauchen ein Minimum von 300 Flugmeilen pro Tag. Deshalb sollten Sie die Anschaffung eines roten Drachen nur erwägen, wenn Sie bereit sind, für den Rest seines Lebens täglich mehrere Stunden mit ihm auszufliegen.

Die einzige Drachenrasse, die uneingeschränkt für die Haltung im Haus empfohlen werden kann, ist der grüne Drache. Sein Einfallsreichtum und sein temperamentvolles Wesen werden Sie immer aufs neue begeistern.

Wählen Sie ein Exemplar im Alter von ca. 200 Jahren. Ältere Drachen gewöhnen sich nur schwer an menschliche Gesellschaft. Jüngere Drachen haben meist noch nicht genügend Nestwärme bekommen. Glauben Sie nicht den Beteuerungen von sogenannten „Drachenzüchtern“. Die von ihnen angebotenen bedauernswerten Kreaturen liegen meist nur apathisch und mit stumpfen Augen in einer Zimmerecke und lassen sich nicht einmal mit besonderen Leckerbissen, wie etwa einem saftigen Säugling, daraus hervorlocken. Wählen Sie lieber einen Jungdrachen aus freier Wildbahn, am besten einen, der Ihnen schon bei der ersten Begegnung keck seinen Feuerstrahl um die Ohren wehen läßt.

Nachdem Sie ein passendes Exemplar ausgewählt haben, wird es Zeit, sich für den Drachenfang auszurüsten. Wir empfehlen die klassische Fangmethode mit Jungfrauen und Netz (und bedenken Sie: je jünger die Jungfrau, desto wahrscheinlicher ihre Jungfräulichkeit).

Zur Haltung Ihres Drachen sollten sie im größten Raum Ihrer Burg in einer Ecke ein geeignetes Schlaflager errichten, indem Sie sie mit Steinwolle und trockenem Flußsand gemütlich auspolstern. Die Verwendung des häufig als praktisch empfundenen Asbests kann aus gesundheitlichen Gründen nicht empfohlen werden. Bis Sie Ihren Drachen stubenrein haben, sollten sie alle brennbaren Gegenstände aus dem Raum entfernen und sich selbst nur in Feuerschutzbekleidung nähern.

Ihr neuer Hausgenosse wird es Ihnen danken, wenn Sie ihm bereits bei seiner Ankunft ein größeres Angebot an frischem Lebendfutter, wie er es aus seiner natürlichen Umgebung gewohnt ist, anbieten. Schnell werden Sie bemerken, ob Ihr neuer Freund ein Ferkel, ein Schaf oder vielleicht ein Kind als Futter bevorzugt.

Wenn Ihr junger Hausgenosse sich nach ca. 2 Tagen etwas eingewöhnt hat, können Sie anfangen, ihn behutsam an Ihre Person zu gewöhnen. Setzen Sie sich dazu in die Mitte des Saals (vergessen sie dabei Ihre Feuerschutzkleidung nicht!) und versuchen Sie, ihn (je nach Alter und Freßgewohnheiten) mit einem jungen Lamm, einem Rehkitz oder einem Milchkalb zu sich zu locken. Reden Sie ihn dabei freundlich mit seinem Namen an, und versuchen Sie, ihn sanft hinter den Ohren zu kraulen. Die meisten Drachen haben das besonders gern. Sollte Ihr Exemplar sich jedoch verängstigt oder gar Unwillig zeigen, warten sie mit dieser Form der Liebkosung noch einige Zeit ab. Manche Drachen neigen zu Bissigkeit, wenn Sie sich bedroht fühlen, wohingegen zärtliches Knabbern am Oberarm durchaus als Zeichen von Zuneigung gedeutet werden kann. Achten Sie jedoch darauf, daß er dabei nichts von Ihrer Feuerschutzkleidung verschluckt, da diese für Ihren Drachen unverdaulich ist.

Eine ausgeglichene Viehwirtschaft sorgt für den Grundbestand der Ernährung. Besondere Leckerbissen, wie z.B. die bereits erwähnte Jungfrau, frisches Wild oder als besondere Delikatesse der kleine Dackel für zwischendurch helfen, Ihren Drachen bei Laune zu halten. Zu besonderen Anlässen können Sie ihm auch eine Geflügeljagd gönnen, um seine Instinkte nicht völlig verkümmern zu lassen. Dabei entlassen Sie einfach vor seiner Nase ein paar Dutzend Tauben, Wachteln, Rebhühner oder Fasane in die Freiheit. Es ist immer wieder ein Vergnügen, dabei zuzusehen, wie unser geschickter Gefährte mit hohen Sprüngen und gezielten Feuerstößen seiner Beute nachstellt.

Größere Probleme ergeben sich häufig bei den ersten Ausflügen mit ihrem schuppigen Freund. Nicht nur, daß Drachenhaltung bei vielen vorurteilsbeladenen Menschen immer noch auf Unverständnis und gar Abneigung stößt, auch die Begegnung mit anderen Drachenliebhabern und ihren kleinen munteren Hausgenossen kann gewisse Schwierigkeiten mit sich bringen. Gewöhnlich werden Jungdrachen, die noch nicht die Geschlechtsreife erlangt haben, spielerisch miteinander balgen wollen. Bewahren Sie in diesem Fall Ruhe und leiten Sie die Evakuierung des Dorfes ein. Versuchen Sie, auch den Halter des anderen Drachen und evt. weitere noch Umherstehende durch Zurufe wie: „Keine Angst, der tut nichts!“ zu beruhigen. Im Allgemeinen werden junge Drachen schon nach einigen Stunden des Herumtollens müde lassen sich brav nach Hause bringen.

Zeigen Sie sich evt. Geschädigten oder ihren Hinterbliebenen gegenüber großzügig, wobei jedoch ein gesundes Maß gewahrt bleiben sollte. Der Nachlaß eines Teils der Jahrespacht ist als Entschädigung ausreichend. Wenn Ihr munterer Freund jedoch die Kirche des Dorfes in Mitleidenschaft gezogen hat, empfiehlt sich eine großzügige Spende an den Bischof.

Eine verbreitete Unsitte, die Sie Ihrem jungen Freund von Anfang an abtrainieren sollten, ist das Annagen von Gästen und Hauspersonal. Sollten Sie Zeuge werden, wie Ihr Drache gerade dabei ist, einen herzhaften Biß aus Ihrem Leibdiener zu nehmen, stoßen Sie ihn mit der Schnauze auf die Leiche, weisen Sie ihn mit strenger Stimme zurecht und geben Sie ihm einen Klaps mit einer zusammengerollten Zeitung oder der Breitseite Ihres Schwertes. Es kann davon ausgegangen werden, daß die meisten Ihrer Gäste, abgesehen vielleicht von den Anhängern des Klerus, sich ihrer Haut selbst zu wehren wissen. Dennoch sollten sie entschieden einschreiten, sobald Ihr putziger Hausgenosse beginnt, sich daneben zu benehmen, um Schaden von Gästen, Drachen und Einrichtung abzuwenden. Wenn Sie alle diese Ratschläge beachten, werden Sie mehrere tausend Jahre Freude an Ihrem munteren Hausgenossen haben.

(Jutta Jordans, Christian Severin, Ole Morgenstern)

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Friedrich Fürchtegott Severin in Korsardikanien

Mein Vorfahr väterlicherseits Friedrich Fürchtegott Severin war ein kreuzbraver und grundehrlicher Mann.

Und weil er nicht nur kreuzbrav war und grundehrlich, sondern auch neugierig wie eine junge Katze, verließ er schon in jungen Jahren das heimatliche Ortelsburg in Ostpreußen und zog in die Welt hinaus, und nach vielen Abenteuern kam er schließlich auch an die italienische Küste, von wo aus er am Horizont gerade noch die große und schöne Insel Korsardikanien ausmachen konnte. Mein Vorfahr hatte schon viel von den schönen Mädchen Korsardikaniens gehört und von der guten Küche dort, und so machte er sich sofort auf den Weg.

Zum Glück war mein Vorfahr väterlicherseits Friedrich Fürchtegott Severin nicht nur neugierig wie eine junge Katze, sondern konnte auch schwimmen wie ein Fischotter, und so dauerte es nicht lange, bis er nass, aber guter Dinge, an der korsardikanischen Küste ankam. Er wanderte eine Weile kreuz und quer über die Insel, probierte hier und da die Küche und die Mädchen, legte so nebenbei dem schwarzen Korsaren das Handwerk, nach dem die Insel benannt worden war und erlebte auch sonst noch einige kleine Abenteuer, und wie er so wanderte und probierte und Handwerk legte, kam er schließlich auch an einen Fluss, der führte gerade Hochwasser und hatte die Brücke eingerissen. Eine Kutsche stand vor der eingestürzten Brücke, mit zwei Pferden und einem Kutscher und einer verzweifelten wunderschönen jungen Edeldame.

Mein Vorfahr väterlicherseits Friedrich Fürchtegott Severin war ein hilfsbereiter Mann und ritterlicher als die meisten Ritter, und so bot er natürlich gleich seine Hilfe an. Und weil er nicht nur ritterlicher war als ein Ritter, sondern auch stärker als ein Ochse, setzte er einfach die Dame in die Kutsche, den Kutscher auf den Kutschbock und die Pferde auf das Kutschendach, nahm erst die Kutsche auf die Schultern und dann ein paar lange Schritte Anlauf und sprang in einem gewaltigen Satz über den Fluss. Hei, was für ein Sprung das war! Doch just in dem Moment, als er absprang, krachte es, dass ihm fast das Herz stillstand. Da fürchtete er schon, dass die ganze Kutsche zerborsten sei, aber als er sie am jenseitigen Ufer absetzte, da waren Kutsche, Kutscher, Pferde und Edeldame wohlauf und unversehrt. Er wandte er sich um, blickte hinter sich und sah gerade noch in der Ferne den gesamten südlichen Teil der Insel im Dunst verschwinden.

Da war guter Rat teuer. Mein Vorfahr setzte sich unter einen Baum, trank erst einmal einen Schluck und überlegte gerade bei sich, wie man so eine Insel einfangen und anflicken könnte, da rottete sich auch schon eine Horde Korsardikaren zusammen, die recht gern mit ihm ein paar Wörtchen geredet hätten über die plötzliche Teilung ihrer Heimat. Aber weil mein Vorfahr väterlicherseits Friedrich Fürchtegott Severin nicht nur stark war wie ein Ochse, sondern auch weise weit über seine Jahre hinaus, beschloss er, dass er nun genug gesehen habe von Korsardikanien, und dass es in Südfrankreich doch auch schöne Mädchen und eine gute Küche gäbe, und er sprang ins Meer und hörte erst auf zu schwimmen, als er Marseille erreicht hatte.

Ja, und so kam es, dass Korsika und Sardinien heute zwei getrennte Inseln sind.

Diese Geschichte mag sich vielleicht märchenhaft anhören, aber sie ist eine wahre Geschichte, denn ich habe sie von meinem eigenen Vater gehört, und der wiederum von seinem Vater, und so weiter, bis zurück zu meinem Vorfahren väterlicherseits Friedrich Fürchtegott Severin. Und der hat in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Mal gelogen, denn…

mein Vorfahr väterlicherseits Friedrich Fürchtegott Severin war ein kreuzbraver und grundehrlicher Mann.

Charakterhintergrund Händler

Auf einfachen Wunsch einen einzelnen Dame krame ich schnell mal einen Hintergrundgeschichtenanfang raus, den ich für einen DnD-3.5-Charakter verfasst hatte. Der Mensch war ein Rogue/Sorcerer, der hauptsächlich als Händler durch die Welt zog und magische Artefakte vertickte. Sehr witzig zu spielen.

Der Bettler, der in einer schmierigen schmalen Gasse in Hafenviertel von Luskan auf ein schmutziges Bettlaken stieß, hoffte nur auf ein paar leicht verdiente Kupferstücke. Stattdessen fand er sich mit einem Kind im Arm wieder, welches aufwachte, verwirrt in sein ungewaschenes Gesicht schielte und anfing, mörderisch zu schreien. Die Gasse hallte wider. Alle Versuche, das Balg zu beruhigen, gingen im Echo unter. In letzter Not stopfte der Bettler dem Kleinen seinen dreckigen Finger in den Mund, und mit einem Schlag hörte man nur noch ein konzentriertes Nuckeln. Gerettet — aber was nun? Wohin mit dem Schreihals?

Fünf Jahre später…
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Like a Horse and Carriage

Stove and porridge, stove and porridge
Both are objects of close watch and worryage
This I tell you, brother,
You can’t have one without the other

Stove and porridge, stove and porridge
Go together like leftover and fridge
Raid your local pantry
And you will see it’s aliment’ry

OK, so „leftover and fridge“ doesn’t really scan all that well, but I like it nevertheless.

Larns Abschied

„Warum, Weib? Warum?“
Larn hielt inne und grimmte hinüber zu der zusammengekrümmten Gestalt auf dem Bett. Die einzige Antwort war ein Zucken der Schultern und zitterndes Atmen. Er wirbelte herum und nahm sein ruheloses Stapfen wieder auf.

„War ich kein guter Gatte? War ich doch! An nichts hat’s dir gefehlt: Essen, Kleidung, Obdach! Und nie hab ich dich geschlagen! Als dir unsre beste Henne unter den Händen krepiert ist, hab ich nichts gesagt! Als du die große Schüssel zerschlagen hast, hab ich nichts gesagt! Und… Undund… als du vergessen hast, das Gatter zu schließen und wir alle Ferkel im Wald suchen mußten, hab ich da was gesagt? Hab ich dich geschlagen? Nein, hab ich nicht! Also warum?“

Er drehte sich wieder zu dem bebenden Häuflein Mensch auf den Strohsäcken um. „Ja, er ist reich, bin ich nicht. Hat er dir was gegeben dafür? Hat er dich bezahlt, oder dir Geschenke gegeben? Oder hat er versprochen, daß er dich mitnimmt auf sein verdammtes Scheißschloss, hmmm? Das wars wohl… Dummes Huhn…“

Larn ließ sich müde auf einem der beiden Hocker in der Hütte nieder, stützte den schweren Schädel in seine Bauernpranken und starrte durch die Tischbohlen hindurch.

„Ich versteh das nicht, Durbe… Wir waren doch ein gutes Paar… Wir waren doch glücklich, oder?… Naja, Kinder… aber es war doch noch nicht zu spät, oder?“

Ein nachdenklicher Blick zur Frau auf dem Bett. Nicht mehr die Jüngste, aber er selbst hatte ja auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Larns Finger streichelten blind über das blankgescheuerte Eichenholz, glatter als seine eigenen Fingerkuppen und sauberer. Ein guter Tisch, er hatte lange daran gearbeitet vor der Hochzeit. Eine Weile betrachtete er die Narbe auf seinem Handrücken und den Blutfleck auf dem Ärmel.
„So ein Schwein… schickt uns gegen die Hurther, zwei Monate Marschieren und Kampf, sein General immer vorweg in toller Rüstung, dem passiert ja auch nichts; Malk und Fork hat’s erwischt, und den jungen Brenn von den Guldams; und er selbst nimmt sich derweil hier unsere Weiber vor… Ach, Durbe… Was soll ich denn jetzt machen?“

Es war fast völlig dunkel geworden in der Hütte; eigentlich wäre jetzt die Zeit für einen letzten Gang über den Hof, und dann ins Bett, aber das müsste er dann teilen mit dieser Frau dort, die jetzt nicht mehr zitterte, sondern nur noch von ihm weg in den Schatten starrte. Keine Antwort.

Larn rieb sich die Augen und seufzte. Dann erhob er sich schwerfällig, sammelte einige Werkzeuge ein, nahm zwei Kerzenstumpen vom Regal und seinen guten Umhang aus der Truhe. Dann schaute herab auf das Bett.
„Ich denke, ich sollte jetzt gehen. Tut mir leid, daß es so endet, Durbe, aber du verstehst… Vielleicht hast Du es jetzt ja besser.“

Er hob die Axt auf, wischte behutsam das Blut am Strohsack ab, trat dem Mann, der auf der Schwelle lag, im Darübersteigen beiläufig ins Gesicht und schlurfte hinaus in die junge Nacht.

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Das war damals inspiriert von Ewalds Rollenspielcharakter (Hallo, Ewald!) und hat dann ein gewisses Eigenleben entwickelt. Vermutlich wird er irgendwann eine kleine Rolle spielen, wenn ich irgendwann mal meinen Roman schreiben sollte. Aber haltet nicht die Luft an bis dann…

Zeitschleife

… eine Zeitmaschine erfunden! Fantastisch!
Benommen schaute er sich im Labor um und blinzelte die farbigen Schlieren aus dem Gesichtsfeld, dann fiel sein Blick wieder auf den Apparat vor sich. Seine Finger spielten noch an einem der Drähte.
Sonderbar, es schien ihm irgendwie entfallen zu sein, was er genau getan hatte, um diesen Zeitsprung auszulösen. Irritierend.
Aber egal: Zeitreisen! Er hatte sich um, Moment… fast eine Minute in die Vergangenheit transportiert! Ein Menschheitstraum!
Jetzt musste er nur noch rauskriegen, wie man das Ganze kontrollieren konnte — aber dafür hatte er jetzt ja alle Zeit der Welt, denn offenbar hatte er gerade zufällig…

Mein Testament

Als ich geheiratet habe, habe ich im Zuge des Papierkramordnens auch mein altes Testament (nein, nicht DAS Alte Testament) in die Finger gekriegt. Nach kurzem Überlegen habe ich es zerrissen und weggeworfen, weil ich davon ausgegangen bin, dass meine Frau sowieso allen Verwandten, Freunden und Bekannten, die irgendwelche besonderen Wünsche haben, ein Erinnerungsstück nach Wahl überlassen wird. Dann fiel mir ein, dass ich zum Thema „Wozu brauche ich überhaupt ein Testament?“ mal einer Freundin eine Mail geschrieben habe:

Klar, niemand wird gerne daran erinnert, dass Menschen im Prinzip wandelndes Wurmfutter sind. „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen“: vergänglich.

Ich werde sterben.
Mein Vater und meine Mutter werden sterben.
Mein Bruder wird sterben.
Sogar seine kleine Tochter wird sterben; sie kann gerade richtig laufen, und schon ist sie todgeweiht!
Ich und Du und Müllers Kuh: Wir alle leben auf Pump, wir leben mit geborgter Zeit, und irgendwann werden wir tot sein — früher oder später. Irgendwann werden Verwandte und Freunde das, was von uns übrig ist, in ein Loch in der Erde legen oder verbrennen und die Asche ins Meer werfen oder vergraben. Sie werden um uns weinen, sie werden sich die Haare raufen vor Leid, sie werden mit Gott und der Welt hadern, weil ihnen das alles so ungerecht erscheint.
Das ist nicht schön.
Das ist so ziemlich das Härteste auf der Welt: dass der Aufenthalt von vorneherein so streng zeitlich begrenzt ist: dass alles, was man tut und sagt, bald vergessen sein wird, dass alles, wofür man schwitzt und kämpft, vergänglich ist wie eine Sandburg vor der Flut. Und gleichzeitig ist genau dies der Antrieb für alles, was den Menschen vom Tier unterscheidet — mehr noch als Werkzeug oder Lachen oder welche Unterschiede der Mensch auch je bemüht hat, um sich über das Tier zu heben:

Der Mensch weiß, dass er sterben wird und kämpft gegen die Vergänglichkeit an.

Farbige Hände in französischen Höhlen, Ritzzeichnungen an afrikanischen Felsen, chinesische Mauern, römische Triumphbögen, Neuschwanstein, der Eiffelturm, Shakespeares Sonette, Bachs Kantaten, Newtons Formeln oder Tom Waits Krächzgesang: Alles nur Versuche, dem Vergessen ein Schnippchen zu schlagen und zu sagen „Hey, schaut her! Ich habe gelebt! Hier, das war ich!“
Der Tod und die Zeit sind eifrige Tafelputzer, und wie sehr wir uns auch anstrengen: irgendwann wird unsere Ecke der Tafel ihnen vor den Schwamm kommen. Da kann man versuchen, seine Zeichen möglichst tief in die Tafel zu graben — das wäre die Ewigkeit der Steine. Oder aber man hofft, seinem Namen Ewigkeit zu geben dadurch, dass durch die Generationen hindurch der eigene Geist weitergereicht wird als Musik, Witz, Formel oder Geschichte und so die eigenen Werke immer wieder irgendwo auf der Tafel auftauchen — das ist die Ewigkeit der Ideen.
Aber ganz schlicht und alltäglich gilt: Alles was Du tust, verändert schon die Welt. Jedes freundliche Wort, jede nette Geste, jedes Lächeln, jede kleine Hilfe, jede Tat, welche einen anderen Menschen irgendwie berührt, verändert diesen Menschen und so die ganze Welt. Das lässt sich zwar hinterher nur selten namentlich zuweisen, aber es ist gleichzeitig deutlich weniger aufwändig zu bewerkstelligen. Ich bin überzeugt, mit meinem Gesang, mit Märchenerzählen oder einfach mit Zuhören schon andere Menschen glücklich gemacht zu haben. Wenn mir das öfter gelingt, wenn ich vielleicht irgendwann ein paar Kinder in die Welt gesetzt und zu einigermaßen guten Menschen erzogen haben sollte, wenn ich vielleicht sogar ein Buch geschrieben haben sollte, welches andere Menschen lesen und sich davon anrühren lassen, dann werde ich mein Leben ein volles und reiches nennen. Mehr kann man nicht verlangen: dann werde ich abtreten und hoffen, die Welt ein wenig besser zurückzulassen, als ich sie vorgefunden habe.

Und ich werde hoffen, alle Schulden bezahlt zu haben, für alle eigenen Fehler um Verzeihung gebeten und alle fremden vergeben zu haben, ohne Streit zu scheiden und insgesamt alles gesagt zu haben, was noch gesagt werden musste.

Und dazu gehört ein Testament, in welchem klarmache, dass ich mich mit dem Thema meines Todes auseinandergesetzt habe und der Tod mich nicht völlig unvorbereitet aus dem Leben reißt, in welchem ich meinen Freunden und Verwandten noch ein paar letzte und persönliche Geschenke mache und in dem ich sage, wie die Feier aussehen soll, in der ich sozusagen meinen letzten offiziellen Auftritt auf dieser Welt habe.

Ja… vielleicht sollte ich mich morgen mal in Ruhe hinsetzen und ein neues Testament verfassen. Nein, nicht DAS– ach, vergiss es.