Was für Gefahren sind vertretbar?

Auf Google+ habe ich mich heftig mit Sören Meyer-Eppler gestritten, ob es dumm ist, ohne Sicherung klettern zu gehen, oder nicht.

Mit etwas Nachdenken komme ich auf 4 verschiedene Arten von Risiko, denen man im Leben begegnet: unvermeidbares Risiko, vermeidbares Risiko und unnötiges Risiko. Die vierte Art von Risiko ist gar keine Gefahr, das ist nämlich vernachlässigbares Risiko.

Unvermeidbares Risiko gehört einfach zum Leben, und man kann ihm nicht aus dem Weg gehen. Wenn der Onkologe nach der Prostata-OP sagt: „Tja, wir hoffen, dass wir jetzt alles rechtzeitig rausgeholt haben. Statistisch gesehen haben Sie eine 50/50-Chance, die nächsten 5 Jahre zu überleben“, dann ist das zwar Scheiße, aber was will man machen? 50% Wahrscheinlichkeit, innerhalb der nächsten 60 Monate zu sterben: dem kann man nicht mehr ausweichen, es sei denn, man bringt sich sicherheitshalber sofort um. Immerhin: der Sage nach eröffnet einem diese Art von Erfahrung einen neuen Blick auf das Leben und macht einen weise und glücklich. Ich wäre ja schon zufrieden, wenn ich in dieser Situation einigermaßen die Würde bewahren könnte, aber das herauszufinden hat keine Eile.

Dann gibt es vermeidbares, aber sinnvolles Risiko. Grundsätzlich geht das schon in Richtung Heldentum: Bomben entschärfen, zwischen besoffene Schläger und ihr Opfer treten, medizinische Selbstversuche, Forschung und Entwicklung, … — also alles in der Kategorie „ich reiße mich nicht drum, aber irgendwer muss es ja tun“. Aber was eine solche Tat zur Heldentat macht, ist, dass man es eben nicht tun muss. Niemand wird mir einen Vorwurf machen, wenn ich von außen lösche, statt noch jemand aus dem brennenden Haus zu retten, niemand wird mich für feige halten, wenn ich nur die Polizei rufe statt mich acht prügelnden Vollpfosten entgegenzustellen, und Bomben entschärfen tun sowieso nur eine Handvoll Leute in ganz Deutschland. Aber obwohl jedes Jahr ein paar Menschen bei solchen Aktionen sterben, sind wir doch ganz froh und dankbar, dass sie es versucht haben, und halten ihr Opfer für sinnvoll und ehrenhaft.

Jetzt wird es schwierig: vernachlässigbares Risiko und unnötiges Risiko sind nicht immer ohne weiteres zu unterscheiden. Wenn letzte Woche in der Zeitung stand: „New Yorker Amokläufer sticht Bäckerei-Kunden ab“, dann wird mich das morgen nicht vom Brötchenkauf abhalten, weil ich dieses Risiko für vernachlässigbar halte. Vielleicht etwas weniger leicht nachvollziehbar: ich halte meine Art des Fahrradfahrens für ein vernachlässigbares Risiko, während meine Begleiter oft verständnislos bis entsetzt reagieren. Andererseits geriete ich vermutlich in Panik, wenn die Flugzeugflügel beim Looping knirschen und krachen, während der Pilot mit jahrzehntelanger Kunstflug-Erfahrung das als völlig normal erkennt. Vermutlich ist die beste Möglichkeit der Unterscheidung die Laien-Definition von grober Fahrlässigkeit: „Kein Wunder, das konnte ja nicht gutgehen“. Wenn ich also ausprobiere, bis zu welcher Geschwindigkeit ich nackt auf dem Tank des Motorrades stehen kann, mit dem mein Kumpel gerade den Berg runterbrettert — wenn ich wette, dass ich mit drei laufenden Kettensägen jonglieren kann — wenn ich meine Autofahrkünste unter Beweis stelle, indem ich als Geisterfahrer fünf Abfahrten lang die A1 unsicher mache — wenn ich mich auf Rollschuhe stelle und mir ein Feststoffraketentriebwerk unter den Arsch schnalle: da sagt jeder normale Mensch doch nur „tut mir leid um ihn, aber das war doch abzusehen“. Was bringt sowas, abgesehen von trauernden Freunden und Verwandten? Sowas bringt mir vielleicht einen Darwin-Award ein, aber es bringt die Menschheit kein Deut weiter, und strenggenommen bringt es nicht mal mich selber weiter. Ja, vielleicht fühle ich mich danach eine Weile lang ganz ausserordentlich lebendig. Ja, vielleicht nehme ich die Welt plötzlich viel klarer wahr. Ja, vielleicht habe ich tatsächlich die Grenzen des bisher für möglich Gehaltenen erweitert. Aber wer, abgesehen von eine kleinen Clique von Speed-Skatern, interessiert sich dafür, dass man auf Rollschuhen die Schallmauer durchbrechen kann? Und, um auf den ursprünglichen Streit zurückzukommen: wer, abgesehen von einer kleinen Clique von Freeclimbern, interessiert sich dafür, dass man El Capitan oder irgendeine andere Wand ohne Seilsicherung in siebenundneunzig Sekunden klettern kann, während man mit vernünftiger Sicherung mehrere Stunden bis Tage braucht?

Wenn wir mal den Einfluss von Rauschmitteln außen vorlassen, dann sind die obigen Beispiele lauter Aktionen, die man macht, weil es sich geil anfühlt: man macht etwas, was man (vielleicht sogar sehr gut) kann und was saugefährlich ist, und man kriegt dafür von seinesgleichen eine Art von k0pfschüttelnder Bewunderung. OK, sowas habe ich auch schon gemacht, und es hat sich auch geil angefühlt, und mein Umfeld hat angemessen beeindruckt reagiert — aber jetzt, Jahrzehnte später, sage ich, dass es eigentlich eine völlig bescheuerte Aktion war, aus dem Klofenster rauszuklettern und auf den Balkon rüberzuspringen, und dass ich im Grunde genommen froh sein kann, es unbeschadet überlebt zu haben. Es hat niemandem geholfen, eigentlich nicht mal mir, und wenn es mich damals acht Meter tiefer auf die Kellertreppe geschmissen hätte, dann hätte jeder nur mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Schade um ihn — aber wieso macht er auch solchen Quatsch“. (Mal ganz davon abgesehen, dass es äußerst unfair war gegenüber demjenigen, der Stunden nach der Party wieder durchs Klofenster klettern musste, um von innen die Tür aufzuschließen …)

Und deshalb nenne ich es dumm, ohne Seilsicherung zu klettern. Natürlich schärft die Gefahr die Sinne und setzt außergewöhnliche Kräfte frei, und natürlich sind die Leute, die sowas machen, Superkletterer und können diese Routen mit 99,9%er Wahrscheinlichkeit sauber und fehlerfrei durchklettern. Das es ist trotzdem bei weitem kein vernachlässigbares Risiko, sonst wäre es ja nichts Besonderes! Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Griff wegbricht, dass man auf halber Höhe einen Krampf kriegt oder dass einem ein Steinchen auf den Kopf fällt, ist ganz klar nicht mehr in der Kategorie „beim Brötchenkauf von Amokläufer erstochen“: wenn morgen jemand in einer Blutlache vor der Brottheke endet, dann wird die Reaktion seiner Umwelt ungläubiges Entsetzen sein — wenn der nächste Free-Solo-Kletterer sein Gehirn über die Steine verteilt, dann heißt es „früher oder später musste sowas ja passieren“.

Advertisements

2 Antworten zu “Was für Gefahren sind vertretbar?

  1. Über dieses Thema hab ich nach unserer Bungee-Jumping Aktion damals sehr viel nachgedacht. Das war für mich ein ziemlicher „Hallo-Wach“-Moment. Der Sprung war eine unglaublich tolle und intensive Erfahrung und ich erinnere mich immer noch wahnsinnig gerne an diesen ersten Moment des Fallens, als ich quasi waagerecht in der Luft lag, ganz erstaunt darüber, dass man sich erstmal ja quasi gar nicht von der Stelle bewegt. Und dann die Beschleunigung, das Zischen der Luft um einen herum … einfach fantastisch. Und als dann drei Stunden später oder so die Nachricht kam, dass in Dortmund das Seil gerissen ist, da war das ein unglaublicher Schock. Das hätte ich sein können. Plumps, tot, einfach so, ein Leben weggeworfen für in paar Sekunden Spaß. Da war mir klar, dass ich diese Art von Risiko so nicht mehr eingehen will. Ich wäre zum Beispiel wirklich gerne mal Fallschirm gesprungen. Aber ich werde es nicht mehr tun. Ich versuche, mich nicht durch Ängste, egal ob begründet oder unbegründet, von den Dingen abhalten zu lassen, die mir wichtig sind und die mich irgendwie weiterbringen. Vor allen Dingen versuche ich, keine Berührungsängste mit anderen Menschen, anderen Kulturen etc. zu haben. Aber ich muss weder aus einem Flugzeug springen noch irgendwelche Felswände raufklettern, um mir zu beweisen, dass ich lebe.

    • Ja, das mit dem „Das muss ich nicht haben“ kann ich nachvollziehen.

      Das hat sich aber bei mir tatsächlich nochmal geändert, seit ich Familienvater bin: vorher hatte ich einfach nur „normalen“ Schiss vor einem Fallschirm- oder Bungeesprung, aber mangels Kohle stellte sich halt leider nicht mal die Frage, ob ich es trotzdem wagen sollte. Wenn mir jemand einen Fallschirmsprung geschenkt hätte, hätte ich zwar gehörig Muffensausen gehabt, aber ich behaupte, ich wäre trotzdem in Nullkommanix im Flugzeug gewesen.

      Mittlerweile aber habe ich ja mich schon fast daran gewöhnt, dass ich nicht mehr nur mir selber gehöre, sondern auch meiner Frau und meinen Kindern. Und selbst, wenn ich mein eigenes Leben riskieren möchte, darf ich das eigentlich nicht mit dem Teil meines Lebens machen, der meiner Familie gehört.

      Oder so ähnlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s