Bitte keinen Jöcker mehr!

Ja, ich weiß: der Mann macht unglaublich viel Musik für Kinder. Und er kommt aus Münster und hat hier studiert, das gibt nochmal einen Bonus. Und er ist preisgekrönt und enorm erfolgreich mit dem, was er macht. Trotzdem:

Ich kann Detlev Jöcker nicht mehr hören!


Dabei sind wir ja noch glimpflich davongekommen, weil der Zwerg zu seinem Geburtstag zusammen mit dem knallbunten kleinen Kinder-Kassettenrekorder nur eine kleine Kinderliederkassette geschenkt bekommen hat. Aber die hatte es in sich: die war von Detlev Jöcker.

Zu Anfang war das ganze Gerät ja noch uninteressant, und ich hatte Hoffnung, dass Junior es völlig ignoriert.

Irgendwann hat er dann angefangen, sich für den Rekorder zu interessieren und die Kassette zu hören. Kurz darauf begann er, sie gelegentlich aus dem Kassettenrekorder rauszuholen. Dann fing er an, das braune Magnetband rauszupulen, und weiter rauszuziehen, und noch weiter, und es in meterlangen Schleifen um sich herum zu verteilen.

Das wäre, so im Nachhinein betrachtet, meine Chance gewesen.

Aber dummerweise war ich immer so brav, Klein-Laokoon zu befreien und die Kassette wieder aufzuwickeln. Mittlerweile benimmt der Zwerg sich magnetbandtechnisch braver, was bedeutet, dass wir immer öfter und immer länger in den zweifelhaften Genuss von Detlev Jöckers Musik kommen. Das dutzendfache Rauszerren und Wiederaufwickeln des Bandes hat seinem Gleichlauf nicht gut getan, so dass die Musik stellenweise eiert. Aber das fällt nur selten auf, weil Herr Jöcker selbst schon eiert. Mal im Ernst: der Mann kann keine drei Takte singen, ohne dass er einen Ton so richtig schön *wuuuuipp* raufschleift. Grausam.

Und die Lieder an sich? Mir ist ja klar, dass Kinderlieder schlicht und einprägsam sein müssen — aber muss das alles sich so penetrant nach Bontempi-Standard-Genudel anhören? Man kann nach dem ersten Durchlauf jede Basslinie mitsummen! Musikantenstadl und ähnliche „Volksmusik“-Sendungen sind nichts dagegen.

Oder ist es eher entlarvend für diese Art der „Volksmusik“, dass sie so schlicht ist wie Lieder für Kindergartenkinder?

Humba-humba-humba-tääteräää…

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9 Antworten zu “Bitte keinen Jöcker mehr!

  1. Es beruhigt mich doch, dass es tatsächlich Verbrechen an der Musik im allgemein gibt, die an mir vorbei gegangen sind.
    Und ich dachte immer Benjamin Blümchen wäre das penetranteste was der Markt hergibt.

    Aber all das ist nur ein zarter Vorgeschmack auf die Zeit wenn Musik (?) grundsätzlich auf „AK“ gehört werden muss – ein Hoch auf die Pubertät mit all ihren Schrecken! Das rückt im Nachhinein die Perspektive wieder gerade.

  2. „AK“?
    Arbeitskreis?
    Autobahnkreuz?

    Ah, hier haben wir’s:
    „Alle Kraft (voraus)“?

    Ja, das mit dem Schrecken der Pubertät mag sein — aber bis der Zwerg soweit ist, sind wir sowieso schon alters-taub… ;-)

  3. Oh, warte nur ab, bis der Kleine im Kindergarten ist und das erste Mal in die Karnevals-Schlager-Phase kommt … ich erinnere mich, als ich irgendwann die MEs in Havixbeck besucht habe und Fiona volle Kanne „Wir lassen den Dom in Kölle“ gehört hat … siebenundzwanzigmal, während ich da war … im Mai oder so, als der Rest der Welt sich eigentlich schon eher auf den neuesten Sommerhit einschoss…

  4. Na super, Karnevalsschlager haben auch so einen Ohrwurmcharakter. Da laufe ich dann tagelang mit „Da simmer dabei, dat is pri-hi-maa, Viiivaaa Coloniaaa!“ im Kopf durch die Gegend.

    Aaaaargh! Man reiche mir die Knochensäge!

  5. Was ist das, eine Kassette? (Ich bin erstaunt dass damit anscheinden immer noch Umsatz gemacht wird.)

    Für später empfehle ich Dir ein Verhalten, dass ich bei meinen Eltern bemerkt habe: sich einfach nicht des Musikgemacks des Kindes annehmen und auch keine Diskussionen darüber führen. Mein Vater hat irgendwann erkannt, dass ihn Diskussionen mit mir über Musik immer an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen. Seitdem versucht er mich auch nicht mehr von Mozart und Freddy Quinn zu überzeugen sondern lässt mich meine „Schwermetallmucker“ hören.

    Und in dem Thema steckt viel Konfliktpotential drin – Darkthrone, Bolt Thrower oder auch William Shatners „Lucy in the Sky“-Interpretation sind nicht jedermanns Sache ;-)

  6. Kassetten, lieber Hendrik, sind ein preiswertes und verhältnismäßig robustes Speichermedium, welches billige und schlichte Analog-Abspielgeräte benötigt, weswegen es für Kleinkinder und Häftlinge ideal ist.

    Und ich werde jetzt keine philosophische Diskussion darüber anstoßen, ob es zwischen diesen Bevölkerungsgruppen irgendeinen Zusammenhang gibt.

  7. Häftlinge? Hm … ich überlege gerade, wie viele Cassetten man abrollen und die Bänder zusammenflechten muss, um ein tragfähiges Seil zu erhalten … wahrscheinlich gar nicht so viele … die Dinger sind ja nun erstaunlich stabil.

  8. Aber Du willst lieber an zusammengeknoteten Bettbezügen runterrutschen als an zusammengeflochtenen Plastikstreifen, oder?
    Sonst könnte ich Dir nämlich eher Zahnseide empfehlen, da reicht dem Gefühl nach schon ein Einzelstrang, um einen Menschen zu tragen…

  9. Pingback: Lars der Eisbär « Det fiel mir ooch noch uff…

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